Ich gehöre zu den Menschen, über die gerade viel geredet wird. Als Niederländer tauche ich in der Polizeilichen Kriminalstatistik in einer anderen Spalte auf als meine deutschen Nachbarn – sollte ich jemals als Tatverdächtiger erfasst werden. Ich lande dann in der Kategorie „nichtdeutsche Tatverdächtige“. Zusammen mit Touristen, Grenzpendlern, Saisonarbeitern und Asylbewerbern. Das BKA wirft das alles in eine Spalte – und warnt selbst ausdrücklich davor, daraus sinnvolle Schlüsse zu ziehen. Aber genau das passiert gerade täglich in der öffentlichen Debatte.
Letzte Woche hat Bundesinnenminister Dobrindt die Kriminalstatistik für 2025 vorgestellt. Die wichtigste Zahl, die in kaum einer Schlagzeile stand: Die Kriminalität ist zum zweiten Mal in Folge gesunken – um fast sechs Prozent. Gewalttaten gingen zurück. Die Zahl ausländischer Tatverdächtiger ebenfalls, um zehn Prozent. Und das in einem Land, in dem der Ausländeranteil in den letzten zwanzig Jahren auf das Doppelte gestiegen ist.
Schaut man sich an, wie Dobrindt diese Zahlen präsentiert hat, lernt man viel über die aktuelle Debattenkultur. Die offizielle Pressemitteilung beginnt nicht mit dem Rückgang der Kriminalität – sie beginnt mit „weiterhin hohe Anzahl nicht-deutscher Tatverdächtiger“. Der Gesamtrückgang erscheint erst im dritten Absatz. Dobrindt selbst nennt als Konsequenz „konsequente Abschiebungen von Intensivtätern“ – obwohl seine eigene Statistik zeigt, dass selbst die Zahl tatverdächtiger Zuwanderer – also Asylbewerber, Geduldete und illegal Aufhältige, die Gruppe, um die es in der Debatte meist geht – bei Gewaltdelikten um 7,2 Prozent gesunken ist.
Das ist kein Zufall, das ist Framing. Man nimmt echte Zahlen, wählt sorgfältig aus – und zieht Schlüsse, die die Zahlen selbst nicht hergeben.
Dabei stehen die weggelassenen Fakten direkt daneben: Dass laut derselben Statistik die Kriminalität in Deutschland in den letzten zwanzig Jahren um 14 Prozent abgenommen hat. Dass fast ein Viertel der in der PKS gezählten ausländischen Tatverdächtigen gar nicht in Deutschland wohnt – Touristen, Grenzpendler, organisierte Kriminalität aus dem Ausland. Und dass das BKA selbst ausdrücklich davor warnt, diese Zahlen direkt mit dem Ausländeranteil in der Wohnbevölkerung zu vergleichen.
Und dann ist da noch etwas, das in der öffentlichen Debatte fast vollständig fehlt: Die PKS erfasst Tatverdächtige – keine Täter. Das ist kein Kleingedrucktes, das ist der Kern dessen, was diese Statistik ist und was sie nicht ist. Ein Tatverdächtiger ist jemand, gegen den ein Anfangsverdacht besteht. Ob daraus eine Anklage wird, ob ein Gericht die Tat bestätigt, ob der Verdacht sich überhaupt erhärtet – das steht in der PKS nicht. Im Jahr 2022 kamen auf 100 Tatverdächtige laut Statistischem Bundesamt nur etwa 26 Verurteilte. Der Rest: Einstellungen, Freisprüche, unbegründete Verdachtsmomente.
Wo Rauch ist, ist sicher auch irgendwo Feuer – das bestreite ich nicht. Aber welches Feuer, wie groß, und vor allem: bei wem genau – das steht eben ausdrücklich nicht in der PKS. Wer aus Tatverdächtigenzahlen direkt auf Tätergruppen schließt und daraus Abschiebeforderungen ableitet, überspringt dabei Rechtsstaat und Statistik gleichermaßen.
Ich sage das nicht, um Probleme wegzureden. Sexualstraftaten steigen – wobei die Pressemitteilung des BMI selbst festhält, dass die Tatverdächtigen „überwiegend Freunde oder Bekannte sowie (ehemalige) Partner“ sind. Das ist ein ernstes Problem, das entschlossene Antworten braucht: mehr Schutzeinrichtungen, konsequente Strafverfolgung, gesellschaftliche Sensibilisierung. Aber eben keine Sündenbockpolitik.
Was mich wirklich beschäftigt: Die Maßnahmen, die gerade am lautesten gefordert werden – weniger Integration, weniger Sprachkurse, weniger Perspektiven – sind genau die Maßnahmen, die Kriminalität nachweislich erhöhen. Wer einen Job hat, wer die Sprache spricht, wer dazugehört, begeht weniger Straftaten. Das zeigen Studien des ifo-Instituts. Das ist keine Ideologie, das ist Pragmatismus.
Ich erwarte von einer guten Sicherheitspolitik, dass sie das ernst nimmt. Dass sie auf Fakten schaut statt auf Angst. Und dass sie den Menschen ehrliche Antworten gibt – auch wenn die unbequemer sind als einfache Schlagzeilen.
Dieser Beitrag gibt meine persönliche Meinung wieder.
Cornelis de Jong, Barmstedt im Mai 2026
