Die 12 Thesen der SPD-Arbeitsgemeinschaft für Bildung (AfB) des Kreises Pinneberg zur Bildungsreform jetzt in der Programmecke des SPD-Kreisbüros in der Friedrich-Ebert-Straße „angeschlagen“.
So viel Selbstironie darf sein: Was Martin Luther 1517 am 31. Oktober mit seinem „Anschlag“ von 95 Thesen an die Tür der Wittenberger Schlosskirche als große Kirchenreform in Gang gesetzt hat, wollte die AfB im Kreis gerne am 2. Juli 2026 mit ihren 12 Thesen zur Reform des Bildungswesens im Kleinen mit einem „Ankleben“ ihrer Thesen an die Holzwand im Annemarie-Renger-Raum des SPD-Kreisbüros in der Friedrich-Ebert-Straße in Pinneberg wiederholen. Es muss ja nicht gleich zur Gründung einer neuen Kirche führen. Uns reicht da schon ein neues starkes Kapitel zur Bildung im neuen SPD-Programm „Leipzig 2027“.
12 bildungspolitische Thesen für ein modernes sozialdemokratisches Grundsatzprogramm
Präambel
Bildung ist die zentrale soziale Frage des 21. Jahrhunderts. Es geht um eine möglichst gute Bildung für alle. Und um Chancengleichheit für alle. Sozialdemokratische Bildungspolitik verbindet dabei Chancengerechtigkeit mit Leistungsanspruch, individuelle Förderung mit gesellschaftlicher Verantwortung sowie wissenschaftliche Evidenz mit humanistischem Bildungsverständnis.
Bildung dient der demokratischen Teilhabe, der Offenheit der Gesellschaft und der Integration aller Menschen unabhängig von Herkunft, sozialem Status oder kulturellem Hintergrund. [Abgrenzung zur AfD] Bildung ist eine öffentliche Gemeinschaftsaufgabe in staatlicher demokratischer Verantwortung und darf nicht wesentlich von den finanziellen Möglichkeiten einzelner Familien abhängen. [Abgrenzung zur CDU] Bildung ist eine staatliche Aufgabe und damit für Kinder und Jugendliche kostenfrei. Gute Bildung darf nicht von den finanziellen Möglichkeiten einzelner Familien abhängen.
- Frühkindliche Bildung ist der wichtigste Hebel für Chancengerechtigkeit
Die ersten Lebensjahre prägen Bildungsbiografien nachhaltig. Sprachentwicklung, Selbstregulation, Motivation, Bindungssicherheit und soziale Kompetenzen entstehen wesentlich in der frühen Kindheit. Deshalb muss frühkindliche Bildung als erste Stufe des Bildungssystems verstanden werden – nicht als reine Betreuung.
Wir wollen: • Krippen- und Kitaplätze müssen dem regionalen und örtlichen Bedarf entsprechend verpflichtend vorgehalten werden. • dass der Besuch von Kitas verpflichtend und kostenfrei ist. • flächendeckend hochwertige Kitas mit kleinen Gruppen, die mit ihren Zeitrahmen auch dem Bedarf berufstätiger Eltern gerecht werden. • die Schaffung von Familienzentren, in denen Familien Beratung, Weiterbildung und verlässliche Hilfen im Alltag finden. • eine bessere Ausbildung und Bezahlung pädagogischer Fachkräfte, • verbindliche Sprachförderung ab dem frühen Kindesalter, • enge Kooperation zwischen Elternhaus, Kita und Grundschule, • gezielte Unterstützung für Kinder aus benachteiligten Lebenslagen.
Frühkindliche Bildung ist eine öffentliche Investition in soziale Gerechtigkeit und nicht ausschließlich Privatsache der Familien. [Abgrenzung zur CDU]
- Bildungserfolg darf nicht länger von Herkunft abhängen
Deutschland gehört weiterhin zu den Ländern, in denen soziale Herkunft den Bildungserfolg stark beeinflusst. Das widerspricht dem sozialdemokratischen Grundsatz gleicher Lebenschancen.
Wir wollen: • mehr Ressourcen für Schulen in sozial herausfordernden Lagen, • verbindliche Ganztagsschulen mit Lern- und Förderzeiten für alle, • multiprofessionelle Teams aus Lehrkräften, Sozialpädagogik und Psychologie, • kostenfreie Bildungsangebote von der Kita bis zum Studium – in der Schule vor allen Dingen bei den Lernmitteln und anderen Schulkosten, • eine systematische individuelle Förderung aller Kinder und damit auch die Umsetzung des Menschenrechts auf gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderungen, • Förderangebote auch für Kinder mit besonderen Begabungen und Fähigkeiten, • Erhalt und Ausbau des Schüler-BAföG.
Bildungspolitik darf niemals zwischen „wertvollen“ und „weniger wertvollen“ Kindern unterscheiden. [Abgrenzung zur AfD] Der Staat trägt die aktive Verantwortung, Bildungsungleichheit auszugleichen. [Abgrenzung zur CDU]
- Gute Schule bedeutet wirksames Lernen statt bloßer Stoffvermittlung
Moderne Schule muss sich stärker an Erkenntnissen der Lernpsychologie orientieren. Lernen gelingt besonders dann, wenn Schülerinnen und Schüler aktiv denken, Zusammenhänge verstehen, Rückmeldungen erhalten und Selbstwirksamkeit erleben. Die Aufgabe der Schule ist neben der Wissensvermittlung auch die Potenzialentwicklung der Lernenden.
Wir wollen: • Unterricht, der auf aktives Lernen, Verständnis und Transfer setzt, • regelmäßiges qualitatives Feedback statt reiner Defizitorientierung, • mehr Diagnosekompetenz bei Lehrkräften, • Förderung von Motivation, Konzentration und Lernstrategien, • verbindliche Fortbildungen zu evidenzbasierter Unterrichtsentwicklung, • eine verantwortungsvolle Ausgestaltung einer Schüler-ID mit individuellem Datenschutz, • altersgerechte kontinuierliche verbindliche Medienbildung, • pädagogisch gesteuerte und altersgerecht begrenzte Nutzung von Social Media, • kritisch-konstruktive Nutzung von KI.
Die Bildungsforschung – unter anderem die Arbeiten von John Hattie – zeigt: Besonders wirksam sind klare Lernziele, hochwertige Rückmeldungen, kognitive Aktivierung, gute Lehrer-Schüler-Beziehungen und die Fähigkeit von Lehrkräften, Lernen sichtbar zu machen. Schule ist ein Ort demokratischer Bildung, pluralistischen Denkens und gegenseitigen Respekts. [Abgrenzung zur AfD]
- Lehrkräfte brauchen Zeit, Professionalität und gesellschaftliche Anerkennung
Lehrkräfte sind die entscheidende Ressource guter Bildung. Gute Bildungspolitik beginnt deshalb mit guten Arbeitsbedingungen.
Wir wollen: • mehr Eigenverantwortung an den Schulen und Gestaltungsmöglichkeiten, • mehr Zeit für individuelle Förderung, • Entlastung von Bürokratie durch Unterstützung der täglichen Abläufe durch Verwaltungskräfte, • multiprofessionelle Teamstrukturen an Schulen, • bessere Unterstützung beim Umgang mit Heterogenität, • eine moderne Lehrkräftebildung mit stärkerem Praxis- und Forschungsbezug, • faire Beschäftigungsbedingungen bei Seiten- und Quereinstieg; positive Nutzung von deren vielfältigen Potenzialen, • aufgrund der einheitlichen Bachelor- und Masterabschlüsse für alle Schularten eine Gleichstellung der Lehrkräfte im allgemeinbildenden Schulwesen hinsichtlich ihrer Bezahlung, • Ausbau der Lehrerfortbildung und regelmäßige Weiterbildungspflicht im Rahmen der Lehrerarbeitszeit.
Bildungsqualität entsteht nicht allein durch Leistungsdruck, sondern durch professionelle Unterstützung, Beziehungsgestaltung und gute Lernbedingungen. [Abgrenzung zur CDU]
- Berufliche Bildung ist gleichwertig mit akademischer Bildung
Die berufliche Bildung ist ein Fundament wirtschaftlicher Stärke und sozialer Integration. Eine moderne Industrie-, Handwerks- und Dienstleistungsgesellschaft braucht hervorragend qualifizierte Fachkräfte.
Wir wollen: • eine Aufwertung der dualen Ausbildung, • differenzierte Ausbildungsgänge mit einem Rechtsanspruch auf Aufbau-Ausbildung, • bessere Durchlässigkeit zwischen beruflicher und akademischer Bildung, • moderne Berufsschulen mit digitaler Infrastruktur, • Produktionsschulen und Jugendförderwerke als besondere Einrichtungen, • Rechtsansprüche auf das Nachholen eines ersten und eines mittleren Schulabschlusses, • Ausbildungsplatzgarantien für junge Menschen für einen ersten Berufsbildungsabschluss, • stärkere Förderung von Zukunftskompetenzen wie Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Kooperation, • Ausbildungswerke für Junges Wohnen und soziale Unterstützung, • kontinuierliche Qualifizierung der betrieblichen Ausbilderinnen und Ausbilder, • Verbreiterung der Möglichkeiten der Aufstiegsfortbildung, • Kostenfreiheit bei Fortbildungen mit Berufspädagogik.
Der Zugang zu guter Ausbildung darf nicht von regionaler Herkunft oder wirtschaftlicher Lage abhängig sein. [Abgrenzung zur CDU]
- Universitäre Bildung muss Wissenschaft, Demokratie und Innovation stärken
Hochschulen sind Orte wissenschaftlicher Erkenntnis, gesellschaftlicher Reflexion und technologischer Entwicklung. Sie tragen Verantwortung für Demokratie, Innovation und sozialen Fortschritt.
Wir wollen: • gebührenfreie Hochschulbildung, • bessere Studienbedingungen, • mehr Chancengleichheit für Studierende aus nicht-akademischen Familien, • ein leistungsfähiges BAföG für mindestens 25 %, • ein Studium Generale für alle, • stärkere Förderung interdisziplinärer Forschung, • eine engere Verbindung von Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft, • duale Studiengänge fördern, in denen die Verknüpfung von Theorie und Praxis, besonders in MINT-Fächern, gut umgesetzt wird, • Aufbau von Open Science, • Wissenschaftskommunikation als Regelaufgabe an den Hochschulen.
Hochschulbildung erfüllt gesellschaftlich auch den Zweck, die Herausforderungen in Ökologie und Ökonomie durch technologischen Fortschritt besser zu bewältigen. Wissenschaftsfreiheit und internationale Kooperation sind unverzichtbare Grundlagen einer offenen Gesellschaft. [Abgrenzung zur AfD] Hochschulbildung ist keine Ware, sondern Teil öffentlicher Daseinsvorsorge. [Abgrenzung zur CDU]
- Weiterbildung wird zur vierten Säule des Bildungssystems
In einer sich schnell wandelnden Arbeitswelt reicht einmalige Ausbildung nicht mehr aus. Weiterbildung wird zur Voraussetzung beruflicher Sicherheit und gesellschaftlicher Teilhabe.
Wir wollen: • ein Recht auf Grundbildung für alle, • eine Förderung der lebensnahen Alphabetisierung, • ein Recht auf lebenslange Weiterbildung, • flexible Bildungszeiten im Erwerbsleben, • ein Sabbatjahr für alle, • ein Recht auf lebenslange Weiterbildungszeit im Umfang einer beruflichen Erstausbildung, • öffentliche Förderung beruflicher Neuqualifikation, • regionale Weiterbildungszentren, • digitale Lernangebote für alle Altersgruppen, • Angebote und Förderung der Altersbildung bis ins hohe und höchste Alter, • Bildung und Teilhabe im Alter als Beitrag gegen Einsamkeit, Pflegebedürftigkeit und Demenz.
Der Sozialstaat muss Menschen auch im Strukturwandel aktiv absichern und neue Bildungswege ermöglichen. [Abgrenzung zur CDU] Dazu ist auch das grundständig aufgebaute Berufsbild der „Erwachsenenbildung und der Weiterbildung“ einzurichten.
- Grundlegende Kompetenzen sind Voraussetzung demokratischer Teilhabe
Lesen, Schreiben, Rechnen, Sprachkompetenz, Medienbildung und demokratische Urteilskraft sind Grundvoraussetzungen gesellschaftlicher Teilhabe.
Wir wollen: • eine nationale Strategie gegen funktionalen Analphabetismus – mit Basisstipendien und Bonusleistungen als Anreiz, • verbindliche Förderung basaler Kompetenzen in allen Bildungsphasen – ortsnahe Chancen auf das Nachholen von Schulabschlüssen, • stärkere Leseförderung und Sprachbildung, • Medienkompetenz und kritisches Denken als Pflichtbestandteile schulischer Bildung, • demokratische Bildung gegen Extremismus und Desinformation.
Demokratische Bildung bedeutet die aktive Verteidigung der freiheitlichen demokratischen Grundordnung gegen Menschenfeindlichkeit und Extremismus. [Abgrenzung zur AfD] Schule muss befähigen, Desinformation und autoritäres Denken kritisch zu hinterfragen. [Abgrenzung zur AfD]
- Digitalisierung muss Lernen verbessern – nicht ersetzen
Digitale Technologien eröffnen große Chancen, ersetzen aber keine pädagogische Qualität. Entscheidend bleibt die Qualität der Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden.
Wir wollen: • digitale Infrastruktur für alle Bildungseinrichtungen, • wissenschaftlich fundierten Einsatz digitaler Medien, • klare Standards für Datenschutz und KI-Nutzung, • Förderung selbstständigen und kooperativen Lernens, • konsequente Qualifizierung pädagogischer Fachkräfte.
Digitale Bildung darf nicht zu neuer sozialer Ungleichheit führen. [Abgrenzung zur CDU]
- Bildung ist weltoffen und Bildung kennt keine Grenzen
Vielfalt in Schulen ist Realität und kann für unser Land wie für Europa insgesamt als Chance verstanden werden. [Abgrenzung zur AfD] Wir stehen zur Weltoffenheit an den Schulen, zu Respekt und Integration. • mit einem Ausbau von Europa- und internationalen Schulen, • mit einer Verstärkung des Schüleraustauschs für jeden jungen Menschen – der „Austauschmonat für Europa“, • mit einem Zertifikat als „Europa-Lehrkraft“ und Lehrkräften aus anderen europäischen Ländern an möglichst vielen Schulen in Europa, • mit globalen Schulpartnerschaften.
Dazu gehören auch der Ausbau von Austauschprogrammen, der Aufbau von Bildungspartnerschaften in allen anderen Bildungsbereichen über die Schule hinaus wie die Absicherung und Weiterentwicklung von globalen Bildungsinitiativen und -institutionen.
Deshalb setzen wir uns ein • für die Stärkung des Erasmus-Programms der Europäischen Union, • für ein Europa-Stipendium im Sinne eines einkommensabhängigen BAföGs, • für ein Netzwerk bei der dualen und schulischen beruflichen Bildung, • für den Austausch von Weiterbildnerinnen und Weiterbildnern und die grenzüberschreitende institutionelle Zusammenarbeit in der Erwachsenenbildung, • für eine Förderung der Europa-Universitäten, • für eine Stärkung der UNESCO und globale Bildungsinitiativen für Grundbildung für alle, besondere Programme zur Förderung der Bildung für Frauen und zum Aufbau einer grundständigen beruflichen Bildung.
- Bildungspolitik braucht Verlässlichkeit, Evidenz und langfristige Verantwortung
Bildungspolitik darf nicht von kurzfristigen politischen Zyklen abhängig sein. Gute Bildung entsteht durch langfristige Investitionen, wissenschaftliche Orientierung und gesellschaftlichen Konsens.
Wir wollen: • auf nationaler Ebene mit wissenschaftlicher Expertise Bildungsthemen beraten, • systematische Evaluation bildungspolitischer Maßnahmen, • stärkere Nutzung evidenzbasierter Forschung, • verbindliche Bildungsstandards über Ländergrenzen hinweg, • langfristige Investitionen in Personal und Infrastruktur.
Wissenschaftliche Erkenntnisse müssen Vorrang vor ideologischer Vereinfachung und populistischer Stimmungspolitik haben. [Abgrenzung zur AfD] Der Staat muss dauerhaft Verantwortung für Bildungsqualität übernehmen und darf sich nicht aus zentralen Zukunftsaufgaben zurückziehen. [Abgrenzung zur CDU]
- Bildung als Grundlage von Wohlstand, Demokratie und sozialem Zusammenhalt
Gute Bildung von Anfang an ist nicht nur eine moralische Verpflichtung, sondern auch eine volkswirtschaftliche Notwendigkeit. Gesellschaften mit hoher Bildungsqualität sind innovativer, demokratisch stabiler, wirtschaftlich produktiver und sozial gerechter. Bildung stärkt demokratische Kultur, gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Fähigkeit zum respektvollen Zusammenleben in einer pluralistischen Gesellschaft. [Abgrenzung zur AfD] Investitionen in Bildung sind Investitionen in sozialen Aufstieg, wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und einen starken und bezahlbaren Sozialstaat. [Abgrenzung zur CDU]
- Für die Finanzierung von Bildung braucht es den Aufbau eines gemeinsamen „Sondervermögens Bildung“.
- Dazu gehört ein Bildungsfonds für die Länder und Kommunen, der gespeist wird aus der Besteuerung großer und größter Vermögen und Erbschaften.
Das Leitmotiv hierbei, für das wir leidenschaftlich kämpfen müssen, lautet: Statt Luxusreichtum für wenige mehr Bildungschancen für alle. Denn jeder Euro, der frühzeitig und den ganzen Lebenslauf hindurch in Bildung investiert wird, reduziert Kosten für Arbeitslosigkeit, Krankheit, soziale Ausgrenzung und gesellschaftliche Konflikte.
Quelle: KV Pinneberg

